Titel
Erwin Hahs
Beschreibung

* 27. Juli 1887 in Berlin; † 31. März 1970 in Zernsdorf
 
Deutscher Maler und Grafiker

Erwin Hahs gehört zu den bemerkenswerten Künstlerpersönlichkeiten der Klassischen Moderne. Da er wegen seiner humanistischen und künstlerischen Überzeugungen in beiden deutschen Diktaturen Repressalien ausgesetzt war, bleibt sein Œuvre lange Zeit weithin unbekannt. In seinem vielschichtigen Werk führt er stilistische Einflüsse des Expressionismus, Konstruktivismus und der Neuen Sachlichkeit zu einer überzeugenden Synthese.

Erwin Hahs (eigentlich Erwin Hass) beginnt 1905 seine Ausbildung in Berlin mit einer Lehre zum Dekorationsmaler. Im Atelier von César Klein absolviert er ein Volontariat und lernt die vom Impressionismus bestimmte Berliner Kunst kennen. Von 1908 bis 1914 studiert er an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin in der Malklasse von Emil Rudolf Weiß. Unter dem Eindruck einer Ausstellung der Brücke-Künstler 1910 in Berlin beschäftigt sich Hahs mit dem Expressionismus. Im Sommer 1912 zeigt er erstmals eigene Arbeiten in einer Schau der Berliner Secession. Seinem Lehrer Weiß assistiert er bei der Ausführung von Wandbildern. Gemeinsam mit  dem Bildhauer Georg Kolbe führt er 1914 für die Werkbundausstellung in Köln die Wandbemalung im Vestibül einer von Walter Gropius entworfenen Musterfabrik aus.

Als Freiwilliger nimmt Hahs ab 1915 am Ersten Weltkrieg teil, als Pazifist kehrt er 1918 von der Front zurück. Bewegt von sozialrevolutionären Ideen, wird er 1919 in Berlin Mitglied der Novembergruppe und des „Arbeitsrats für Kunst“, den u. a. Gropius und C. Klein gegründet hatten. Im selben Jahr nimmt er eine Stelle an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle an, wo er die Fachklasse für Malerei und Grafik aufbaut und leitet. In seiner Lehre setzt er sich für eine neue Einheit von Handwerk, Kunst und Gesellschaft ein. Im eigenen künstlerischen Schaffen führt er streng geometrische Elemente mit figürlichen Darstellungen und amorphen Formen zusammen. Der Hallesche Kunstverein richtet ihm 1921 und 1925 eine Einzelausstellung aus. 1922 erfolgt Hahs’ Ernennung zum Professor. In den zwanziger Jahren unternimmt der Maler zahlreiche Studienreisen innerhalb Europas und nach Nordafrika. Hierbei freundet er sich in Paris mit dem ungarischen Maler Béla Czobel an. Von 1929 an entwickelt er – zum Teil im Austausch mit dem Maler Fritz Winter – eine meditative abstrakte Bildsprache. Zwischen 1929 und 1939 entstehen experimentelle Arbeiten in einer ganz eigenen Lacktechnik. Als 1931 im Stadthaus Halle die Ausstellung „Hass und sein Kreis“ gezeigt wird, spricht die Presse von einer „neuen Halleschen Malerei“. 1932 heiratet Hahs Iris Hoffstetter, die später als Malerin ihr eigenes Lebenswerk schafft.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten beginnt für den Künstler eine Zeit der Entbehrungen, der inneren Emigration und künstlerischen Isolation. Gemeinsam mit zwölf anderen Lehrern der Burg Giebichenstein wird er 1933 entlassen. Seine Ausstellungsbeteilungen 1934 in Halle und Dessau nehmen die Nationalsozialisten zum Anlass, sein Werk und Wirken zu diffamieren. Hahs’ Kunst wird als „entartet“ eingestuft. Seine Kritik an der NS-Diktatur spiegelt sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen wie auch in seinen Bildern wider. Nach seiner Tätigkeit als Gemälderestaurator auf Schloss Weinberg in Österreich kann er 1942  am Winckelmann-Gymnasium in Stendal eine Stelle als Kunstlehrer antreten. 1943 wird er aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs leitet Hahs für kurze Zeit das Kulturamt in Stendal. Für sein Wirken ehrt ihn die Stadt Stendal 1946 mit der Winckelmann-Medaille. Im selben Jahr wird er erneut als Professor und Leiter einer Malklasse an die Burg Giebichenstein berufen. Die Formalismus-Debatte, die sich gegen die Freiheit der Kunst richtet, beendet zu Beginn der 1950er Jahre in der DDR auch an den Hallenser Kunstschulen die Nachkriegsmoderne. Infolgedessen wird Hahs 1952 zwangsweise emeritiert. Sein 1949 geschaffenes Wandbild im Chemiewerk BUNA wird vernichtet. In dieser konfliktgeladenen Zeit gestaltet der Maler polemisch-expressive Bilder. Wenige Monate arbeitet er als künstlerischer Berater bei der DEFA in Potsdam-Babelsberg am Film „Der kleine Muck“ mit. Der Besuch der ersten documenta in Kassel 1955 – er ist Ehrengast – gibt ihm neue Kraft für die eigene künstlerische Arbeit. In der Kunsthalle Bremen findet  im selben Jahr eine Ausstellung mit seinen Grafiken statt. Um 1955 ändert der Künstler seinen Familiennamen in Hahs.

Mit seiner Familie zieht sich Hahs 1956 nach Zernsdorf zurück. Die Nähe von Berlin erlaubt ihm den Kontakt mit Kunst und Künstlern im Ost- und Westteil der Stadt, u.a. mit der Bildhauerin Renée Sintenis. Bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 gestaltet er ein vielfältiges Spätwerk, das alle Aspekte seines künstlerischen Schaffens einbezieht. Erst 17 Jahre nach seinem Tod wird seine Lebensleistung als Künstler und Lehrer in einer großen Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg in Halle gewürdigt. 2014 zeigt das Kunstforum Halle die Ausstellung „Erwin Hahs – Protagonist der Moderne in Halle“.

Erwin Hahs’ Grab befindet sich auf dem Zernsdorfer Waldfriedhof.